Tierlieb

Was habe ich in den letzten Tagen und Wochen nicht so alles vernascht, gefuttert und in Kalorien investiert. Meine Knie stöhnen und ächzen bereits unter einer verdächtigen Fülle meiner gewichtigen Taille. Dominosteine hier, Lebkuchen dort, Stollen sowieso und überall die verführerischsten Leckereien. Wer sollte da jemals wiederstehen können?

Doch jetzt, jetzt sitze ich top gestylt, oder besser gesagt, voll aufgebrezelt neben meiner Herz-Allerliebsten in einer dieser zahlreichen in-Locations mitten im Herzen der Frankfurter City. High-Heels zum Umfallen, knallroter Lipgloss, blondierte Lockenpracht und was so alles dazu gehört, ist man auf geile, wilde Party aus. Ach so, und nicht zu vergessen, der Zylinder, mein unvergleichliches Markenzeichen auf allen Partys.

Es sind die letzten, wirklich allerletzten Minuten und diese verbringen wir gemeinsam unter lauter enthusiastischen Partygästen. Die allerletzten Minuten bevor die Zeit des letzten der letzten Tage abläuft und auch diesen endlich seinem vergänglichen Schicksal zuführt. Der Sekt perlt in den Gläsern auf den kleinen Tischen vor uns, die Musik dröhnt unsere Ohren mit ultimativen Sounds zu, während dieses Jahr bedingunglos ausschleicht. Nach nun mehr 8760,46 Stunden des Wartens, des Arbeitens, des Krankseins, des Urlaubens, des Wäschewaschens,  ... kurz um, nach 365 Tagen wird diese Welt wieder ein Jahr älter und feiert frenetisch ihren Geburtstag. Überall, egal ob in Japan, in Cape Town, in New York oder hier in Frankfurt am Main. Pünktlich um Mitternacht kämpfen  überall die Glocken ziemlich vergeblich gegen zig-tausende Böller, Kracher, Wunderkerzen und Feuerwerksraketen an, um unter lauter Jubel Trubel schlußendlich das neue Jahr einzuläuten. Das Neue, es kommt immer wieder so gewiß und auf die Sekunde genau. Darauf ist und bleibt ein jedes Mal absolut Verlaß. Auf der ganzen Welt, auch hier vor der Türe der Location umarmen sich die Leute freudestrahlend, lachen sich an, prosten sich mit ihren Sektgläsern zu und schwören sich auf ihre Vorsätze für das anbrechende Jahr ein.

Wer kennt sie nicht? Wer hatte sie noch nicht? Die guten Vorsätze für's neue Jahr. Sie sind genauso unverwüstlich Bestandteil unseres Lebens wie der Alltag mit all seinen Unzuverlässigkeiten auch. Und, sie kommen garantiert ebenso jedes Jahr wieder, wie Silvester und Neujahr wiederkehren werden. Jeder kennt sie. Jeder hatte sie schon. Endlich mit dem Rauchen aufhören; endlich wieder für die sommerliche Bikinifigur fasten; endlich mehr Zeit für das Motorrad finden ... Nein, es gibt kein Buch der guten Vorsätze, es wäre schlichtweg zu dick. Und, seien wie mal ganz ehrlich, wer wöllte auch schon solch ein Buch sein eigen nennen wollen? Wo doch die meisten aller guten Vorsätze das gleiche Schicksal wie die Feuerwerksraketen, Böller und Kracher teilen. Nämlich von zwar wunderschön leuchtender aber doch unendlich kurzer Dauer zu sein.

Heute, ja, heute sind derweil schon drei Wochen ins Land gegangen, hat der Alltag mein Leben wieder voll im Griff und da erst fällt es mir auf: ich habe sie vergessen! Was? Na, die guten Vorsätze eben. Nein, ich habe sie nicht einfach an Silvester an irgendeiner Straßenecke verloren oder so. Ich habe mir schlichtweg keine gemacht. Keine guten Vorsätze, also. Wie konnte das nur passieren? Ausgerechnet mir? Jetzt sitze ich hier unter all den vielen Leuten, ob in der S-Bahn, ob im Kino oder hier im Switch und kann nicht mitreden. Nicht über die guten Vorsätze mitreden; und, war da nicht eben ein klitzekleiner Blick der Mißbilligung mir gegenüber? Denn, während alle anderen darum ringen, endlich ihren inneren Schweinehund zu überwinden, um ihre guten Vorsätze zu erreichen, kann ich mich jetzt bequem und voll unverhohlener Schadenfreude zurücklehnen.

Als ich die Tage über eine Kollegin neulich beim Verdücken etlicher ach so verführerisch schokoladiger Riegel bemerkte, konnte ich mir so ein gewisses Lächeln doch nicht mehr verkneifen. Ein fast schon fieses Lächeln. Ihre Bikinifigur geht schon baden, bevor überhaupt der Winterspeck abgeschmolzen sein könnte; geschweige denn ihre Vorsätze erreichbar zu sein scheinen. Ich dagegen, ich bleibe mir treu und vergesse weiterhin alljährlich die guten Vorsätze. Schließlich bin ich konsequent, ... konsequent tierlieb und könnte so etwas doch meinem inneren Schweinehund nie antun wollen ...

Tierlieb, wie ich eben bin ...

21.1.12 17:28

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