Eiskalte Stille ...

Zu jener Zeit, also vor etwa fünf Jahren, war es geschehen. Ich erinnere mich noch ganz genau an jene Nacht, so klar und deutlich, als wäre sie erst letztens gewesen. Eine offene Bühne, nein, die gab es da noch lange nicht und einen Carlos oder einen Hubert, nein, beide kannte ich ebenfalls noch nicht. Dies, eben, ist so mancher Lauf des Lebens, unklar, unvorhersehbar und immer wieder für elegante Überraschungen gut. Also, vor etwa fünf Jahren, damals wohnte ich noch fernab der Innenstadt im entlegensten Westen der Stadt, als es mich endlich mal wieder hineinzog.

Hineinzog? Verlockte? Ja, es zog mich mal wieder in die tiefsten Seiten der Innenstadt. Samstag Abend, mein Abend, mein Samstag, ... voller Musik, voller Sehnsucht, voller Einsamkeit ... erfüllt von diesem unstillbaren Bedürfnis nach Leidenschaft und Tanz. Was soll ich Euch sagen? Den halben Nachmittag verbrachte ich natürlich erst einmal wieder vor dem Spiegel, um mich aufzubretzeln. Ach, was sage ich da ... ? Um Leonora Cassandra zu sein. Wenigstens für einen kleinen Augenblick, für einen Abend mich dem Traum hingeben, dieser wunderschönen und zugleich bittersüßen Illusion des Lebens. Meines Lebens. Aber, das, das wäre wirklich eine ganz, ganz andere Gechichte, diese Illusion des Lebens; meines eigentlichen Lebens, welches nie werden durfte ...

Es ward denn dann mittlerweile so gegen Abend, vielleicht 19 Uhr? Oder 20 Uhr? Als ich mich fertig gestylt auf den Weg machte, der tiefen inneren Versuchung meiner eigentlichen Leidenschaft folgend. Aus der Wohnung die wenigen Stufen der hölzernen Treppe hinab, rasch über die Straße und schließlich mit dem Bus Richtung S-Bahn und von dort in die Innenstadt. Südbahnhof. Ü-30 Party im Südbahnhof. Mein Ziel. My destination. Welch eine berauschende Nacht voller Musik, Leidenschaft, Hingabe ... und Tanz. Leonora Cassandra für einen Abend. Illusion einen Abend lang. Atmen, Leben für einen Abend. Für einen Abend dasein. Leonora Cassandra genießen, mich ihr vollkommen Hingeben, ... bis weit in die frühen Morgenstunden. Aber, die letzte S-Bahn mußte ich unbedingt noch erheischen, wollte ich die Nacht nicht irgendwo alleine auf den Straßen der Stadt verbringen. Knapp, knapp zwar, aber ich schaffte es und erwischte noch die S-Bahn, direkt am Südi, wie viele liebevoll "ihren" Südbahnhof nennen.

Hmm, ... so gegen zwei Uhr des frühen Morgens, es war mitten in der dunklen Nacht, fuhr die letzte S-Bahn in den Höchster Bahnhof ein. Endstation. Endstation für die letzte S-Bahn. Endstation und Feierabend für den S-Bahn-Führer. Endstation für die allerletzten Fahrgäste und Nachtschwärmer. Wer jetzt noch bis in den entlegeneren Westen von Frankfurt wollte oder mußte, nun, der mußte eben laufen. Diese sich ewig langziehende, gerade Straße an den ehemaligen Farbwerken entlang. Nachts, mitten in der Nacht, an dunklen Hauseingängen vorbei und schließlich jene kilometerlange Mauer aus zig-tausenden Backsteinen folgend.

Warum es sich so ergab, weiß ich auch nicht. Aber, irgendwie ward ich offensichtlich die letzte Person, die in jener Nacht dort am Höchster Bahnhof die S-Bahn verließ und Richtung Ausgang schlenderte. Noch ganz in Gedanken versunken mit wohliger, sanfter Müdigkeit. Wer den S-Bahnhof in Höchst kennt, der weiß, daß die Gleise auf einer hochgelegenen Trasse verlaufen und daher die Fahrgäste zuerst eine Treppe zur Unterführung hinabsteigen müssen, bevor sie zum Ausgang gelangen können. Ich war vollkommen alleine, andere Fahrgäste oder Passanten weder zu sehen, noch zu hören und schickte mich an, die Treppe nach unten zu nehmen. Mir fehlten vielleicht noch zwei, drei Stufen bis ganz unten in den Gang, der unter den Gleisen verläuft, als eine eiskalte, klare und messerscharfe Stimme zu mir sagte: "Du provozierst mich".

Da stand er, schlank aber muskulös, dunkelblaue Jeans, Turnschuhe, T-Shirt und schwarze Blousonjacke. Unverkennbar ost-europäische Gesichtszüge und Akzent. Also so einer, von denen man immer wieder so viel Böses in den Zeitungen ließt. So ein Typ, wie die, die immer mal wieder Passanten angreifen und brutal verprügeln. So einer, eben. Klar, man hört, bzw. ließt davon doch immer mal wieder in den Zeitungen. Und, was soll ich erzählen? Da stand er, reglos, wie ein einziger Eiszapfen, vollkommen kalt und sein noch kälterer Blick fixierte mich. Eiskalte Stille, so schneidend brannte sich durch den schmalen, jetzt aber erschreckend langen Gang. Das Eisfach einer Tiefkühltruhe wäre wahrscheinlich noch warm dazu.

Eiskalte Stille. Jeder, jeder kennt diese brutalen Videos aus diesen omnipräsenten, voyeuristischen Überwachungskameras, die dann später in den Nachrichten gezeigt werden. Videos, wo Passanten von Besinnungslosen angegriffen, verprügelt und getreten werden. Reglos, absolut reglos und ohne auch nur einen einzelnen Ton von mir zu geben, stand ich dort auf den letzten Stufen und meine Augen blickten wie gelähmt in seine Eiseskälte. Eiskalte Stille; reglos; kein Rascheln, nichts. Absolut nichts. Leer, einfach leer und kalt. Keine Worte, keine Gedanken, keine Zeit. Da war sie, diese eiskalte Fratze des Todes, zwischen ihm und mir. Der Hauch des Todes ...

"Ich habe eine schleichende, unheilbare Zellwucherung in meinem Körper und die Ärzte geben mir noch etwa fünfzehn oder siebzehn Jahre. Und, so lange mir das Leben noch gewährt, kostümiere ich mich gerne zum Tanzen und habe noch etwas Spass. Das ist alles, was mir geblieben ist," antwortete ich nach scheinbar unendlichen Minuten, so als wenn es das selbstverständlichste auf der Welt wäre. Und dann wieder diese eiskalte Stille.

Gefühlte Stunden, dabei waren es wahrscheinlich insgesamt nur wenige Minuten, oder gar Sekunden, als plötzlich eine leichte Bewegung sich in seinem Körper bemerkbar machte: "Du hattest mich halt provoziert; aber egal." Mit diesen wenigen, einfachen Worten drehte er sich ab und trottete von dannen in Richtung Ausgang. Seine beiden Kumpane, die sich vollkommen lautlos und unbemerkt von hinten die Treppe herab angeschlichen hatten, tauchten links und rechts von mir auf und folgten ihm. Trotz dieser eiskalten Stille hatte ich ihr Anschleichen die ganze Zeit nicht bemerkt gehabt.

Egal, was ihr jetzt auch immer denken möget, nein, diese Geschichte hat keine Moral. Und, nein, diese Geschichte hat auch kein Fazit. Diese Geschichte braucht keine weiteren Worte mehr, denn die Wahrheit braucht keine weiteren und unötigen Worte mehr. Nein, ich hege auch keinen Groll. Gegen wen sollte ich das auch? Ich war doch einfach nur ganz ehrlich und habe ihm die Wahrheit gesagt. Die Wahrheit meines Lebens, nicht mehr und nicht weniger.

Endstation Bahnhof Höchst. Endstation Leonora Cassandra.

27.4.12 18:28

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