Neulich in der S-Bahn ...

Es ist Wochenende und ich sitze in der S-Bahn Richtung Innenstadt. Ein gemütlicher, erntspannter Abend soll es wieder werden. Eigentlich ist es vollkommen egal, was für ein Wochentag es ist, oder welche Tageszeit. Hier in der großen, hektischen Stadt bin ich zumeist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das ist auf diese Art und Weise so viel bequemer. Man braucht erst gar nicht umständlich einen Parkplatz suchen oder ins kostenpflichtige Parkhaus fahren, um dann eh zu Fuß bis zur Location laufen zu müssen.

Eine Station nach mir steigt ein junges Pärchen hinzu und setzt sich auf der anderen Seite des Gangs auf die blau-karierten Plätze. Naja, och Gott, wie alt werden die beiden gewesen sein? Er übrigens eindeutig mit islamischen Migrationshintergrund. Vielleicht so Mitte Zwanzig? So gut kann ich das nie wirklich abschätzen. Sie unterhalten sich. Er sieht zu mir rüber und sie unterhalten sich ...  Sie fangen an sich über mich zu unterhalten.

Er zu ihr: "Ist das ein Mann oder eine Frau?" "Das weiß ich doch nicht." "Ich möchte das aber jetzt wissen!" "Du, laß die doch bitte in Ruhe. Die hat dir doch nichts getan." "Ja, aber es interessiert mich. Ist das ein Mann in Frauenklamotten oder was ist das?" "Ist doch egal. Das geht uns doch nicht an. Jeder kann doch anziehen was wer will."

So und ähnlich setzt sich deren Gespräch fort. Von S-Bahn-Station zu S-Bahn-Station ... Es beschäftigt ihn, zweifelsohne, sehr, was ich denn nun sein könnte. Ein Mann in Frauenklamotten etwa? Oder doch eine Frau? Oder was sonst? Irgend so ein Verrückter in Frauenklamotten? Oder doch eine Schwuchtel? Hopla, jetzt haben wir es; nein, nicht mich, sondern dieses Wort. Auch, wenn er dieses Wort nicht benutzt, noch nicht?, ahne ich, es geht genau darum! Seine Blicke, die mich immer wieder ganz unverstohlen mustern, verraten es mir; verraten mir seine Gedanken, seine Zweifel: "sitzt da ein Mann in Frauenklamotten? Sitzt da eine Schwuchtel?"

Kurz vor Hauptbahnhof fährt die S-Bahn in den Tunnel ein und verschwindet unter der Stadt mit ihren zahlreichen Bürohochhäusern. Es ist bereits spät und draußen entsprechend dunkle Nacht. An der Haltestelle 'Hauptbahnhof' werde ich aussteigen, weil ich noch auf eine coole Faschingsparty gehen möchte. Und, während die S-Bahn von der Galluswarte kommend in den Tunnel herabfährt, stehe ich bereits auf und wende mich den beiden zu:

"Männer und Frauen unterscheiden sich, oder?" frage ich ihn und blicke mit meinen Augen direkt in die seinen. "Männer haben etwas zwischen den Beinen und Frauen nicht, oder?!".; er nickt, während ich fortfahre: "Siehst Du, und ich, ich habe vor etwa zwei Jahren so eine OP gemacht und habe auch nichts zwischen den Beinen. Also bin ich doch eine Frau und kein Mann in Frauenklamotten; oder?" Seine südländischen Augen strahlen, er freut sich und zu seiner Freundin gewandt: "Siehst Du, mehr wollte ich doch gar nicht wissen."

Die kurze Strecke bis zur vollständigen Einfahrt der S-Bahn in die unterirdische Haltestelle unterhalten wir uns noch etwas. Über das Mann- und Frausein, über diese OP und den Mut, den es dazu braucht usw. Wir verabschieden uns, weil ich aussteigen möchte und er sagt zum Abschied: "Du, ich finde das echt voll Klasse, daß Du so offen damit umgehst. Echt geil und cool, wie Du dazu stehst." Beide lächeln mich an, wir wünschen uns gegenseitig noch einen tollen Abend und dann stehe ich auch schon auf dem Bahnsteig. Die S-Bahn fährt weiter, mit ihr die beiden jungen Leute und ich, ich verlasse guter Laune die Station.


Es kann so wunderschön sein, wenn eine dünne Eisschicht bricht und sich Menschen, so unterschiedlich sie sein mögen, friedlich begegnen. Ja, ich bin anders. Und, das ist auch gut so; zumindest für mich. Dazu stehe ich. Zu sich selber stehen, authentisch sein, das findet Achtung und Respekt.

LeonieC.

19.5.12 11:33

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